HENRY LOHMAR
Allianz mit Fragezeichen

Manchmal sind es die kleinen Meldungen am Rande, die mehr über diesen Krieg aussagen als die Erfolgsberichte der Militärs. Nach dem Fall von Masar-i-Scharif sollen sich vor den Friseurläden der Stadt lange Schlangen von Männern gebildet haben, die sich ihre Bärte abrasieren lassen wollten, hieß es gestern. Auch sei aus den Restaurants laute Musik zu hören gewesen, was unter dem Regime der Taliban verboten war. Einige Frauen hätten sich sogar getraut, ohne Schleier auf die Straße zu gehen. Bei solchen Nachrichten kann man sich ein rasches Vorrücken der Nordallianz auf Kabul eigentlich nur wünschen. Wenn da nicht die politischen Bedenken wären, dass der Krieg gegen die Taliban sich zu einem neuen Bürgerkrieg ausweiten könnte. Sollte die Nordallianz sich als Herrscher Afghanistans gebärden, dann wäre nichts gewonnen. Das lose Bündnis aus Minderheiten, das schon einmal brutal die Macht über die Paschtunen-Mehrheit ausübte, ist eben nicht nur Teil der Lösung, sondern auch Teil des Problems. Das Problem der Amerikaner ist es nun, die Nordallianz zu bremsen und deren alleinige Machtübernahme zu verhindern. Gelingt das nicht, steht die Glaubwürdigkeit der gesamten Anti-Terror-Operation auf dem Spiel.