RALF SCHULER
Der aufgezwungene Krieg

Der Krieg, der jetzt in Afghanistan ausgefochten wird, hat nicht erst am Sonntag Abend begonnen. Er begann am 11. September mit den Anschlägen von New York und Washington, die in ihrer Wirkung einem geballten Raketenangriff durchaus vergleichbar sind. Wenn sich hierzulande dennoch vielerorts Zweifel an Sinn und Richtigkeit der Militärschläge breitmachen, liegt das nicht zuletzt daran, dass Freiheit und Toleranz zu den tief verwurzelten Grundwerten unserer Gesellschaft gehören: Wir sind es gewohnt, dass durch friedliche Verhandlungen und Kompromiss-Suche Konflikte aus der Welt zu räumen sind. Gewaltverzicht und Deeskalation sind uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns schwer damit abfinden können, dass diese Prinzipien in einem einzigen Fall versagen: Fanatismus darf und kann man nicht mit Liberalität begegnen. Mit einem Selbstmord-Attentäter kann man keinen Kompromiss schließen.

Auch das Suchen nach möglichen Motiven der Täter hilft da nicht weiter. Sie beklagen den andauernden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, dabei engagiert sich der Westen seit Jahren mit viel Geld und Krisendiplomatie für ein Ende der Gewalt. Sie beklagen die Armut der arabischen Welt, dabei stehen die autokratischen und nicht selten korrupten Eliten dort meist selbst jedem Aufschwung im Weg. Sie beklagen die Militärpräsenz der USA in Saudi-Arabien, dann hätten sie die dortige Königsfamilie attackieren müssen. Sie geißeln den westlichen "Kulturimperialismus" und verkennen, dass sie sich entscheiden müssen zwischen wirtschaftlichem Austausch und damit einhergehendem Wohlstand auf der einen und fundamentalistischer Abschottung auf der anderen Seite. Sie klagen den Westen an wegen der Sanktionsopfer im Irak und unterschlagen die aggressive Aufrüstung Saddam Husseins.

Diesen Krieg hat im Westen niemand gewollt. Deshalb aber dem Terror das Heft des Handelns zu überlassen, wäre auch keine Lösung.