JOACHIM RIECKER
Schäubles Unschuld

Nun ist es offiziell: Die Berliner Staatsanwaltschaft hat ihr Ermittlungsverfahren gegen Wolfgang Schäuble eingestellt. Der ehemalige CDU-Chef fühlt sich nun offenbar wieder zu Höherem berufen. Auf den Vorstoß von CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, auch Schäuble komme als Kanzlerkandidat in Frage, reagierte er mit keinem Dementi, sondern mit offensichtlicher Zufriedenheit. Doch Schäuble sollte auf der Hut sein. Glos setzt bei allem Respekt nicht ernsthaft auf einen Kanzlerkandidaten Schäuble, sondern will mit seinem Alleingang Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber entlasten, auf den in der Unionsfraktion der Druck immer stärker wird, bald seinen Anspruch auf die Kanzlerkandidatur zu erklären. Auch Glos weiß, dass Schäuble im Frühjahr 2000 nicht wegen des Ermittlungsverfahrens, sondern wegen politischer Fehler stürzte: Er hatte den Bundestag über die Annahme einer 100 000-Mark-Spende vom Waffenhändler Schreiber belogen und seine Konflikte mit Kanzler Kohl und der früheren CDU-Schatzmeisterin Baumeister auf extreme Weise eskalieren lassen. Schäuble ist ein kluger Kopf, vielleicht sogar der klügste, den die Union zu bieten hat. Doch er muss aufpassen, nicht plötzlich zwischen allen Stühlen zu sitzen.