ALEXANDER GAULAND
Dilemma

Verrat, hat Talleyrand einmal zynisch bemerkt, ist nur eine Frage des Datums. Und des Gewissens, möchte man mit Blick auf Schröder und Fischer hinzufügen. Nicht, dass beide eine Mehrheit für ihre Koalition suchten, war das Ärgerliche in den vergangenen Tagen, sondern das Wie, der Druck auf Abgeordnete, die kein Regierungsamt haben und ihr Gewissen deshalb auch nicht in den Vorzimmern der Macht abgeben können. Gut, dass wir eine rot-grüne Koalition haben, stoßseufzen viele hinter vorgehaltener Hand, andernfalls würde die Republik brennen. Und das ist das Dilemma der Regierenden. Wer in der Zeit, da er noch nach Ämtern strebte, mit eben denselben Argumenten, die heute aus dem pazifistischen Lager der Regierung entgegenschallen, Kohl, Genscher und Kinkel verteufelte, hat kein Recht, den Kritikern ihr Gewissen abzusprechen. Die anfängliche Überreaktion von Kanzler und Außenminister hat eben auch damit zu tun, dass sie als Bekehrte das Misstrauen jener fürchten, die mit Amerika schon kritische Solidarität übten, als Schröder noch Schmidt wegen dessen Amerikahörigkeit beschimpfte und Fischer in Mutlangen gegen die Nachrüstung demonstrierte. Es stimmt schon, Schmidt, Kohl und Genscher hätten in Washington sehr viel genauer nach Strategie und Zielen fragen können, da sie nicht vor der eigenen Vergangenheit weglaufen mussten. Wie hat das Bismarck einmal formuliert? Die Geschichte ist so genau wie die preußische Oberrechnungskammer.