allerliebsten Prinzen, die nicht ruhen noch rasten konnten, bis sie wussten, wer die unbekannte Schoene war.  Ein aehnliches Abenteuer mit einem reizenden kleinen Engel, der in weissem Gewand und goldnen Fluegeln sich sehr um mich bemuehte, setzte ich so lange fort, dass meine Einbildungskraft sein Bild fast bis zur Erscheinung erhoehte. Nach Jahresfrist war ich ziemlich wiederhergestellt; aber es war mir aus der Kindheit nichts Wildes uebriggeblieben.  Ich konnte nicht einmal mit Puppen spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine Liebe erwiderten.  Hunde, Katzen und Voegel, dergleichen mein Vater von allen Arten ernaehrte, vergnuegten mich sehr; aber was haette ich nicht gegeben, ein Geschoepf zu besitzen, das in einem der Maerchen meiner Tante eine sehr wichtige Rolle spielte.  Es war ein Schaefchen, das von einem Bauermaedchen in dem Walde aufgefangen und ernaehrt worden war, aber in diesem artigen Tiere stak ein verwuenschter Prinz, der sich endlich wieder als schoener Juengling zeigte und seine Wohltaeterin durch seine Hand belohnte.  So ein Schaefchen haette ich gar zu gerne besessen! Nun wollte sich aber keines finden, und da alles neben mir so ganz natuerlich zuging, musste mir nach und nach die Hoffnung auf einen so koestlichen Besitz fast vergehen.  Unterdessen troestete ich mich, indem ich solche Buecher las, in denen wunderbare Begebenheiten beschrieben wurden.  Unter allen war mir der "Christliche deutsche Herkules" der liebste; die andaechtige Liebesgeschichte war ganz nach meinem Sinne.  Begegnete seiner Valiska irgend etwas, und es begegneten ihr grausame Dinge, so betete er erst, eh er ihr zu Huelfe eilte, und die Gebete standen ausfuehrlich im Buche.  Wie wohl gefiel mir das!  Mein Hang zu dem Unsichtbaren, den ich immer auf eine dunkle Weise fuehlte, ward dadurch nur vermehrt; denn ein fuer allemal sollte Gott auch mein Vertrauter sein. Als ich weiter heranwuchs, las ich, der Himmel weiss was, alles durcheinander; aber die "Roemische Oktavia" behielt vor allen den Preis.  Die Verfolgungen der ersten Christen, in einen Roman gekleidet, erregten bei mir das lebhafteste Interesse. Nun fing die Mutter an, ueber das stete Lesen zu schmaelen; der Vater nahm ihr zuliebe mir einen Tag die Buecher aus der Hand und gab sie mir den andern wieder.  Sie war klug genug zu bemerken, dass hier nichts auszurichten war, und drang nur darauf, dass auch die Bibel ebenso fleissig gelesen wurde.  Auch dazu liess ich mich nicht treiben, und ich las die heiligen Buecher mit vielem Anteil.  Dabei war meine Mutter immer sorgfaeltig, dass keine verfuehrerischen Buecher in meine Haende kaemen, und ich selbst wuerde jede schaendliche Schrift aus der Hand geworfen haben; denn meine Prinzen und Prinzessinnen waren alle aeusserst tugendhaft, und ich wusste uebrigens von der natuerlichen Geschichte des menschlichen Geschlechts mehr, als ich merken liess, und hatte es meistens aus der Bibel gelernt.  Bedenkliche Stellen hielt ich mit Worten und Dingen, die mir vor Augen kamen, zusammen und brachte bei meiner Wissbegierde und Kombinationsgabe die Wahrheit gluecklich heraus.  Haette ich von Hexen gehoert, so haette ich auch mit der Hexerei bekannt werden muessen. Meiner Mutter und dieser Wissbegierde hatte ich es zu danken, dass ich bei dem heftigen Hang zu Buechern doch kochen lernte; aber dabei war etwas zu sehen.  Ein Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden war fuer mich ein Fest.  Dem Vater brachte ich die Eingeweide, und er redete mit mir darueber wie mit einem jungen Studenten und pflegte mich oft mit inniger Freude seinen missratenen Sohn zu nennen. Nun war das zwoelfte Jahr zurueckgelegt.  Ich lernte Franzoesisch, Tanzen und Zeichnen und erhielt den gewoehnlichen Religionsunterricht. Bei dem letzten wurden manche Empfindungen und Gedanken rege, aber nichts, was sich auf meinen Zustand bezogen haette.  Ich hoerte gern von Gott reden, ich war stolz darauf, besser als meinesgleichen von ihm reden zu koennen; ich las nun mit Eifer manche Buecher, die mich in den Stand setzten, von Religion zu schwatzen, aber nie fiel es mir ein zu denken, wie es denn mit mir stehe, ob meine Seele auch so gestaltet sei, ob sie einem Spiegel gleiche, von dem die ewige Sonne widerglaenzen koennte; das hatte ich ein fuer allemal schon vorausgesetzt. Franzoesisch lernte ich mit vieler Begierde.  Mein Sprachmeister war ein wackerer Mann.  Er war nicht ein leichtsinniger Empiriker, nicht ein trocknet Grammatiker; er hatte Wissenschaften, er hatte die Welt gesehen.  Zugleich mit dem Sprachunterrichte saettigte er meine Wissbegierde auf mancherlei Weise.  Ich liebte ihn so sehr, dass ich seine Ankunft immer mit Herzklopfen erwartete.  Das Zeichnen fiel mir nicht schwer, und ich wuerde es weiter gebracht haben, wenn mein Meister Kopf und Kenntnisse gehabt haette; er hatte aber nur Haende und uebung. Tanzen war anfangs nur meine geringste Freude; mein Koerper war zu empfindlich, und ich lernte nur in der Gesellschaft meiner Schwester. Durch den Einfall unsers Tanzmeisters, allen seinen Schuelern und Schuelerinnen einen Ball zu geben, ward aber die Lust zu dieser uebung ganz anders belebt. Unter vielen Knaben und Maedchen zeichneten sich zwei Soehne des Hofmarschalls aus: der juengste so alt wie ich, der andere zwei Jahre aelter, Kinder von einer solchen Schoenheit, dass sie nach dem allgemeinen Gestaendnis alles uebertrafen, was man je von schoenen Kindern gesehen hatte.  Auch ich hatte sie kaum erblickt, so sah ich niemand mehr vom ganzen Haufen.  In dem Augenblicke tanzte ich mit Aufmerksamkeit und wuenschte schoen zu tanzen.  Wie es kam, dass auch diese Knaben unter allen andern mich vorzueglich bemerkten?--Genug, in der ersten Stunde waren wir die besten Freunde, und die kleine Lustbarkeit ging noch nicht zu Ende, so hatten wir schon ausgemacht, wo wir uns naechstens wiedersehen wollten.  Eine grosse Freude fuer mich!  Aber ganz entzueckt war ich, als beide den andern Morgen, jeder in einem galanten Billett, das mit einem Blumenstrauss begleitet war, sich nach meinem Befinden erkundigten.  So fuehlte ich nie mehr, wie ich da fuehlte!  Artigkeiten wurden mit Artigkeiten, Briefchen mit Briefchen erwidert.  Kirche und Promenaden wurden von nun an zu Rendezvous; unsre jungen Bekannten luden uns schon jederzeit zusammen ein, wir aber waren schlau genug, die Sache dergestalt zu verdecken, dass die Eltern nicht mehr davon einsahen, als wir fuer gut hielten. Nun hatte ich auf einmal zwei Liebhaber bekommen.  Ich war fuer keinen entschieden; sie gefielen mir beide, und wir standen aufs beste zusammen.  Auf einmal ward der aeltere sehr krank; ich war selbst schon oft sehr krank gewesen und wusste den Leidenden durch uebersendung mancher Artigkeiten und fuer einen Kranken schicklicher Leckerbissen zu erfreuen, dass seine Eltern die Aufmerksamkeit dankbar erkannten, der Bitte des lieben Sohns Gehoer gaben und mich samt meinen Schwestern, sobald er nur das Bette verlassen hatte, zu ihm einluden.  Die Zaertlichkeit, womit er mich empfing, war nicht kindisch, und von dem Tage an war ich fuer ihn entschieden.  Er warnte mich gleich, vor seinem Bruder geheim zu sein; allein das Feuer war nicht mehr zu verbergen, und die Eifersucht des Juengern machte den Roman vollkommen.  Er spielte uns tausend Streiche; mit Lust vernichtete er unsre Freunde und vermehrte dadurch die Leidenschaft, die er zu zerstoeren suchte. Nun hatte ich denn wirklich das gewuenschte Schaefchen gefunden, und diese Leidenschaft hatte, wie sonst eine Krankheit, die Wirkung auf mich, dass sie mich still machte und mich von der schwaermenden Freude zurueckzog.  Ich war einsam und geruehrt, und Gott fiel mir wieder ein. Er blieb mein Vertrauter, und ich weiss wohl, mit welchen Traenen ich fuer den Knaben, der fortkraenkelte, zu beten anhielt. Soviel Kindisches in dem Vorgang war, soviel trug er zur Bildung meines Herzens bei.  Unserm franzoesischen Sprachmeister mussten wir taeglich statt der sonst gewoehnlichen uebersetzung Briefe von unsrer eignen Erfindung schreiben.  Ich brachte meine Liebesgeschichte unter dem Namen Phyllis und Damon zu Markte.  Der Alte sah bald durch, und um mich treuherzig zu machen, lobte er meine Arbeit gar sehr.  Ich wurde immer kuehner, ging offenherzig heraus und war bis ins Detail der Wahrheit getreu.  Ich weiss nicht mehr, bei welcher Stelle er einst Gelegenheit nahm zu sagen: "Wie das artig, wie das natuerlich ist!  Aber die gute Phyllis mag sich in acht nehmen, es kann bald ernsthaft werden." Mich verdross, dass er die Sache nicht schon fuer ernsthaft hielt, und fragte ihn pikiert, was er unter ernsthaft verstehe?  Er liess sich nicht zweimal fragen und erklaerte sich so deutlich, dass ich meinen Schrecken kaum verbergen konnte.  Doch da sich gleich darauf bei mir der Verdruss einstellte und ich ihm uebelnahm, dass er solche Gedanken hegen koenne, fasste ich mich, wollte meine Schoene rechtfertigen und sagte mit feuerroten Wangen: "Aber, mein Herr, Phyllis ist ein ehrbares Maedchen!" Nun war er boshaft genug, mich mit meiner ehrbaren Heldin aufzuziehen und, indem wir Franzoesisch sprachen, mit dem "honnete" zu spielen, um die Ehrbarkeit der Phyllis durch alle Bedeutungen durchzufuehren.  Ich fuehlte das Laecherliche und war aeusserst verwirrt.  Er, der mich nicht furchtsam machen wollte, brach ab, brachte aber das Gespraech bei andern Gelegenheiten wieder auf die Bahn.  Schauspiele und kleine Geschichten, die ich bei ihm las und uebersetzte, gaben ihm oft Anlass zu zeigen, was fuer ein schwacher Schutz die sogenannte Tugend gegen die Aufforderungen eines Affekts sei.  Ich widersprach nicht mehr, aergerte mich aber immer heimlich, und seine Anmerkungen wurden mir zur Last. Mit meinem guten Damon kam ich auch nach und nach aus aller Verbindung. Die Schikanen des Juengern hatten unsern Umgang zerrissen.  Nicht lange Zeit darauf starben beide bluehende Juenglinge. Es tat mir weh, aber bald waren sie vergessen. Phyllis wuchs nun schnell heran, war ganz gesund und fing an, die Welt zu sehen.  Der Erbprinz vermaehlte sich und trat bald darauf nach dem Tode seines Vaters die Regierung an.  Hof und Stadt waren in lebhafter Bewegung.  Nun hatte meine Neugierde mancherlei Nahrung.  Nun gab es Komoedien, Baelle und was sich daran anschliesst, und ob uns gleich die Eltern soviel als moeglich zurueckhielten, so musste man doch bei Hof, wo ich eingefuehrt war, erscheinen.  Die Fremden stroemten herbei, in allen Haeusern war grosse Welt, an uns selbst waren einige Kavaliere empfohlen und andre introduziert, und bei meinem Oheim waren alle Nationen anzutreffen. Mein ehrlicher Mentor fuhr fort, mich auf eine bescheidene und doch treffende Weise zu warnen, und ich nahm es ihm immer heimlich uebel. Ich war keinesweges von der Wahrheit seiner Behauptung ueberzeugt, und vielleicht hatte ich auch damals recht, vielleicht hatte er unrecht, die Frauen unter allen Umstaenden fuer so schwach zu halten; aber er redete zugleich so zudringlich, dass mir einst bange wurde, er moechte recht haben, da ich denn sehr lebhaft zu ihm sagte: "Weil die Gefahr so gross und das menschliche Herz so schwach ist, so will ich Gott bitten, dass er mich bewahre." Die naive Antwort schien ihn zu freuen, er lobte meinen Vorsatz; aber es war bei mir nichts weniger als ernstlich gemeint; diesmal war es nur ein leeres Wort: denn die Empfindungen fuer den Unsichtbaren waren bei mir fast ganz verloschen.  Der grosse Schwarm, mit dem ich umgeben war, zerstreute mich und riss mich wie ein starker Strom mit fort.  Es waren die leersten Jahre meines Lebens.  Tagelang von nichts zu reden, keinen gesunden Gedanken zu haben und nur zu schwaermen, das war meine Sache.  Nicht einmal der geliebten Buecher wurde gedacht.  Die Leute, mit denen ich umgeben war, hatten keine Ahnung von Wissenschaften; es waren deutsche Hofleute, und diese Klasse hatte damals nicht die mindeste Kultur. Ein solcher Umgang, sollte man denken, haette mich an den Rand des Verderbens fuehren muessen.  Ich lebte in sinnlicher Munterkeit nur so hin, ich sammelte mich nicht, ich betete nicht, ich dachte nicht an mich noch an Gott; aber ich sah es als eine Fuehrung an, dass mir keiner von den vielen schoenen, reichen und wohlgekleideten Maennern gefiel.  Sie waren liederlich und versteckten es nicht, das schreckte mich zurueck; ihr Gespraech zierten sie mit Zweideutigkeiten, das beleidigte mich, und ich hielt mich kalt gegen sie; ihre Unart ueberstieg manchmal allen Glauben, und ich erlaubte mir, grob zu sein. ueberdies hatte mir mein Alter einmal vertraulich eroeffnet, dass mit den meisten dieser leidigen Bursche nicht allein die Tugend, sondern auch die Gesundheit eines Maedchens in Gefahr sei.  Nun graute mir erst vor ihnen, und ich war schon besorgt, wenn mir einer auf irgendeine Weise zu nahe kam.  Ich huetete mich vor Glaesern und Tassen wie vor dem Stuhle, von dem einer aufgestanden war.  Auf diese Weise war ich moralisch und physisch sehr isoliert, und alle die Artigkeiten, die sie mir sagten, nahm ich stolz fuer schuldigen Weihrauch auf. Unter den Fremden, die sich damals bei uns aufhielten, zeichnete sich ein junger Mann besonders aus, den wir im Scherz Narziss nannten.  Er hatte sich in der diplomatischen Laufbahn guten Ruf erworben und hoffte bei verschiedenen Veraenderungen, die an unserm neuen Hofe vorgingen, vorteilhaft plaziert zu werden.  Er ward mit meinem Vater bald bekannt, und seine Kenntnisse und sein Betragen oeffneten ihm den Weg in eine geschlossene Gesellschaft der wuerdigsten Maenner.  Mein Vater sprach viel zu seinem Lobe, und seine schoene Gestalt haette noch mehr Eindruck gemacht, wenn sein ganzes Wesen nicht eine Art von Selbstgefaelligkeit gezeigt haette.  Ich hatte ihn gesehen, dachte gut von ihm, aber wir hatten uns nie gesprochen. Auf einem grossen Balle, auf dem er sich auch befand, tanzten wir eine Menuett zusammen; auch das ging ohne naehere Bekanntschaft ab.  Als die heftigen Taenze angingen, die ich meinem Vater zuliebe, der fuer meine Gesundheit besorgt war, zu vermeiden pflegte, begab ich mich in ein Nebenzimmer und unterhielt mich mit aeltern Freundinnen, die sich zum Spiele gesetzt hatten. VI. Buch--2 Narziss, der eine Weile mit herumgesprungen war, kam auch einmal in das Zimmer, in dem ich mich befand, und fing, nachdem er sich von einem Nasenbluten, das ihn beim Tanzen ueberfiel, erholt hatte, mit mir ueber mancherlei zu sprechen an.  Binnen einer halben Stunde war der Diskurs so interessant, ob sich gleich keine Spur von Zaertlichkeit dreinmischte, dass wir nun beide das Tanzen nicht mehr vertragen konnten.  Wir wurden bald von den andern darueber geneckt, ohne dass wir uns dadurch irremachen liessen.  Den andern Abend konnten wir unser Gespraech wieder anknuepfen und schonten unsre Gesundheit sehr. Nun war die Bekanntschaft gemacht.  Narziss wartete mir und meinen Schwestern auf, und nun fing ich erst wieder an gewahr zu werden, was ich alles wusste, worueber ich gedacht, was ich empfunden hatte und worueber ich mich im Gespraeche auszudruecken verstand.  Mein neuer Freund, der von jeher in der besten Gesellschaft gewesen war, hatte ausser dem historischen und politischen Fache, das er ganz uebersah, sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und ihm blieb nichts Neues, besonders was in Frankreich herauskam, unbekannt.  Er brachte und sendete mir manch angenehmes Buch, doch das musste geheimer als ein verbotenes Liebesverstaendnis gehalten werden.  Man hatte die gelehrten Weiber laecherlich gemacht, und man wollte auch die unterrichteten nicht leiden, wahrscheinlich weil man fuer unhoeflich hielt, so viel unwissende Maenner beschaemen zu lassen.  Selbst mein Vater, dem diese neue Gelegenheit, meinen Geist auszubilden, sehr erwuenscht war, verlangte ausdruecklich, dass dieses literarische Kommerz ein Geheimnis bleiben sollte. So waehrte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, und ich konnte nicht sagen, dass Narziss auf irgendeine Weise Liebe oder Zaertlichkeit gegen mich geaeussert haette.  Er blieb artig und verbindlich, aber zeigte keinen Affekt; vielmehr schien der Reiz meiner juengsten Schwester, die damals ausserordentlich schoen war, ihn nicht gleichgueltig zu lassen.  Er gab ihr im Scherze allerlei freundliche Namen aus fremden Sprachen, deren mehrere er sehr gut sprach und deren eigentuemliche Redensarten er gern ins deutsche Gespraech mischte. Sie erwiderte seine Artigkeiten nicht sonderlich; sie war von einem andern Faedchen gebunden, und da sie ueberhaupt sehr rasch und er empfindlich war, so wurden sie nicht selten ueber Kleinigkeiten uneins. Mit der Mutter und den Tanten wusste er sich gut zu halten, und so war er nach und nach ein Glied der Familie geworden. Wer weiss, wie lange wir noch auf diese Weise fortgelebt haetten, waeren durch einen sonderbaren Zufall unsere Verhaeltnisse nicht auf einmal veraendert worden.  Ich ward mit meinen Schwestern in ein gewisses Haus gebeten, wohin ich nicht gerne ging.  Die Gesellschaft war zu gemischt, und es fanden sich dort oft Menschen, wo nicht vom rohsten, doch vom plattsten Schlage mit ein.  Diesmal war Narziss auch mit geladen, und um seinetwillen war ich geneigt hinzugehen: denn ich war doch gewiss, jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise unterhalten konnte.  Schon bei Tafel hatten wir manches auszustehen, denn einige Maenner hatten stark getrunken; nach Tische sollten und mussten Pfaender gespielt werden.  Es ging dabei sehr rauschend und lebhaft zu.  Narziss hatte ein Pfand zu loesen; man gab ihm auf, der ganzen Gesellschaft etwas ins Ohr zu sagen, das jedermann angenehm waere.  Er mochte sich bei meiner Nachbarin, der Frau eines Hauptmanns, zu lange verweilen.  Auf einmal gab ihm dieser eine Ohrfeige, dass mir, die ich gleich daran sass, der Puder in die Augen flog.  Als ich die Augen ausgewischt und mich vom Schrecken einigermassen erholt hatte, sah ich beide Maenner mit blossen Degen.  Narziss blutete, und der andere, ausser sich von Wein, Zorn und Eifersucht, konnte kaum von der ganzen uebrigen Gesellschaft zurueckgehalten werden.  Ich nahm Narzissen beim Arm und fuehrte ihn zur Tuere hinaus, eine Treppe hinauf in ein ander Zimmer, und weil ich meinen Freund vor seinem tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte ich die Tuere sogleich zu. Wir hielten beide die Wunde nicht fuer ernsthaft, denn wir sahen nur einen leichten Hieb ueber die Hand; bald aber wurden wir einen Strom von Blut, der den Ruecken hinunterfloss, gewahr, und es zeigte sich eine grosse Wunde auf dem Kopfe.  Nun ward mir bange.  Ich eilte auf den Vorplatz, um nach Huelfe zu schicken, konnte aber niemand ansichtig werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden Menschen zu baendigen.  Endlich kam eine Tochter des Hauses heraufgesprungen, und ihre Munterkeit aengstigte mich nicht wenig, da sie sich ueber den tollen Spektakel und ueber die verfluchte Komoedie fast zu Tode lachen wollte.  Ich bat sie dringend, mir einen Wundarzt zu schaffen, und sie, nach ihrer wilden Art, sprang gleich die Treppe hinunter, selbst einen zu holen. Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um die Hand und ein Handtuch, das an der Tuere hing, um den Kopf.  Er blutete noch immer heftig: der Verwundete erblasste und schien in Ohnmacht zu sinken.  Niemand war in der Naehe, der mir haette beistehen koennen; ich nahm ihn sehr ungezwungen in den Arm und suchte ihn durch Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern.  Es schien die Wirkung eines geistigen Heilmittels zu tun; er blieb bei sich, aber sass totenbleich da. Nun kam endlich die taetige Hausfrau, und wie erschrak sie, als sie den Freund in dieser Gestalt in meinen Armen liegen und uns alle beide mit Blut ueberstroemt sah: denn niemand hatte sich vorgestellt, dass Narziss verwundet sei; alle meinten, ich habe ihn gluecklich hinausgebracht. Nun war Wein, wohlriechendes Wasser, und was nur erquicken und erfrischen konnte, im ueberfluss da, nun kam auch der Wundarzt, und ich haette wohl abtreten koennen; allein Narziss hielt mich fest bei der Hand, und ich waere, ohne gehalten zu werden, stehengeblieben. Ich fuhr waehrend des Verbandes fort, ihn mit Wein anzustreichen, und achtete es wenig, dass die ganze Gesellschaft nunmehr umherstand.  Der Wundarzt hatte geendigt, der Verwundete nahm einen stummen, verbindlichen Abschied von mir und wurde nach Hause getragen. Nun fuehrte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie musste mich ganz auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, dass ich, da man sein Blut von meinem Koerper abwusch, zum erstenmal zufaellig im Spiegel gewahr wurde, dass ich mich auch ohne Huelle fuer schoen halten durfte.  Ich konnte keines meiner Kleidungsstuecke wieder anziehn, und da die Personen im Hause alle kleiner oder staerker waren als ich, so kam ich in einer seltsamen Verkleidung zum groessten Erstaunen meiner Eltern nach Hause.  Sie waren ueber mein Schrecken, ueber die Wunden des Freundes, ueber den Unsinn des Hauptmanns, ueber den ganzen Vorfall aeusserst verdriesslich.  Wenig fehlte, so haette mein Vater selbst, seinen Freund auf der Stelle zu raechen, den Hauptmann herausgefordert.  Er schalt die anwesenden Herren, dass sie ein solches meuchlerisches Beginnen nicht auf der Stelle geahndet; denn es war nur zu offenbar, dass der Hauptmann sogleich, nachdem er geschlagen, den Degen gezogen und Narzissen von hinten verwundet habe; der Hieb ueber die Hand war erst gefuehrt worden, als Narziss selbst zum Degen griff.  Ich war unbeschreiblich alteriert und affiziert, oder wie soll ich es ausdruecken; der Affekt, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, war auf einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche Luft bekoemmt.  Und wenn Lust und Freude sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen und im stillen zu naehren, so wird sie, die von Natur herzhaft ist, durch den Schrecken am leichtesten angetrieben, sich zu entscheiden und zu erklaeren.  Man gab dem Toechterchen Arznei ein und legte es zu Bette.  Mit dem fruehesten Morgen eilte mein Vater zu dem verwundeten Freund, der an einem starken Wundfieber recht krank darniederlag. Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er mit ihm geredet hatte, und suchte mich wegen der Folgen, die dieser Vorfall haben koennte, zu beruhigen.  Es war die Rede, ob man sich mit einer Abbitte begnuegen koenne, ob die Sache gerichtlich werden muesse, und was dergleichen mehr war.  Ich kannte meinen Vater zu wohl, als dass ich ihm geglaubt haette, dass er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen wuenschte; allein ich blieb still, denn ich hatte von meinem Vater frueh gelernt, dass Weiber in solche Haendel sich nicht zu mischen haetten. uebrigens schien es nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden etwas vorgefallen waere, das mich betroffen haette; doch bald vertraute mein Vater den Inhalt seiner weitern Unterredung meiner Mutter.  Narziss, sagte er, sei aeusserst geruehrt von meinem geleisteten Beistand, habe ihn umarmt, sich fuer meinen ewigen Schuldner erklaert, bezeigt, er verlange kein Glueck, wenn er es nicht mit mir teilen sollte; er habe sich die Erlaubnis ausgebeten, ihn als Vater ansehn zu duerfen.  Mama sagte mir das alles treulich wieder, haengte aber die wohlmeinende Erinnerung daran, auf so etwas, das in der ersten Bewegung gesagt worden, duerfe man so sehr nicht achten.  "Ja freilich", antwortete ich mit angenommener Kaelte und fuehlte der Himmel weiss was und wieviel dabei. Narziss blieb zwei Monate krank, konnte wegen der Wunde an der rechten Hand nicht einmal schreiben, bezeigte mir aber inzwischen sein Andenken durch die verbindlichste Aufmerksamkeit.  Alle diese mehr als gewoehnlichen Hoeflichkeiten hielt ich mit dem, was ich von der Mutter erfahren hatte, zusammen, und bestaendig war mein Kopf voller Grillen. Die ganze Stadt unterhielt sich von der Begebenheit.  Man sprach mit mir davon in einem besondern Tone, man zog Folgerungen daraus, die, sosehr ich sie abzulehnen suchte, mir immer sehr nahegingen.  Was vorher Taendelei und Gewohnheit gewesen war, ward nun Ernst und Neigung.  Die Unruhe, in der ich lebte, war um so heftiger, je sorgfaeltiger ich sie vor allen Menschen zu verbergen suchte.  Der Gedanke, ihn zu verlieren, erschreckte mich, und die Moeglichkeit einer naehern Verbindung machte mich zittern.  Der Gedanke des Ehestandes hat fuer ein halbkluges Maedchen gewiss etwas Schreckhaftes. Durch diese heftigen Erschuetterungen ward ich wieder an mich selbst erinnert.  Die bunten Bilder eines zerstreuten Lebens, die mir sonst Tag und Nacht vor den Augen schwebten, waren auf einmal weggeblasen. Meine Seele fing wieder an, sich zu regen; allein die sehr unterbrochene Bekanntschaft mit dem unsichtbaren Freunde war so leicht nicht wiederhergestellt.  Wir blieben noch immer in ziemlicher Entfernung; es war wieder etwas, aber gegen sonst ein grosser Unterschied. Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet wurde, war vorueber, ohne dass ich etwas davon erfahren hatte, und die oeffentliche Meinung war in jedem Sinne auf der Seite meines Geliebten, der endlich wieder auf dem Schauplatze erschien.  Vor allen Dingen liess er sich mit verbundnem Haupt und eingewickelter Hand in unser Haus tragen. Wie klopfte mir das Herz bei diesem Besuche!  Die ganze Familie war gegenwaertig; es blieb auf beiden Seiten nur bei allgemeinen Danksagungen und Hoeflichkeiten; doch fand er Gelegenheit, mir einige geheime Zeichen seiner Zaertlichkeit zu geben, wodurch meine Unruhe nur zu sehr vermehrt ward.  Nachdem er sich voellig wieder erholt, besuchte er uns den ganzen Winter auf ebendem Fuss wie ehemals, und bei allen leisen Zeichen von Empfindung und Liebe, die er mir gab, blieb alles uneroertert. Auf diese Weise ward ich in steter uebung gehalten.  Ich konnte mich keinem Menschen vertrauen, und von Gott war ich zu weit entfernt.  Ich hatte diesen waehrend vier wilder Jahre ganz vergessen; nun dachte ich dann und wann wieder an ihn, aber die Bekanntschaft war erkaltet; es waren nur Zeremonienvisiten, die ich ihm machte, und da ich ueberdies, wenn ich vor ihm erschien, immer schoene Kleider anlegte, meine Tugend, Ehrbarkeit und Vorzuege, die ich vor andern zu haben glaubte, ihm mit Zufriedenheit vorwies, so schien er mich in dem Schmucke gar nicht zu bemerken. Ein Hoefling wuerde, wenn sein Fuerst, von dem er sein Glueck erwartet, sich so gegen ihn betruege, sehr beunruhigt werden; mir aber war nicht uebel dabei zumute.  Ich hatte, was ich brauchte, Gesundheit und Bequemlichkeit; wollte sich Gott mein Andenken gefallen lassen, so war es gut; wo nicht, so glaubte ich doch meine Schuldigkeit getan zu haben. So dachte ich freilich damals nicht von mir; aber es war doch die wahrhafte Gestalt meiner Seele.  Meine Gesinnungen zu aendern und zu reinigen, waren aber auch schon Anstalten gemacht. Der Fruehling kam heran, und Narziss besuchte mich unangemeldet zu einer Zeit, da ich ganz allein zu Hause war.  Nun erschien er als Liebhaber und fragte mich, ob ich ihm mein Herz und, wenn er eine ehrenvolle, wohlbesoldete Stelle erhielte, auch dereinst meine Hand schenken wollte. Man hatte ihn zwar in unsre Dienste genommen; allein anfangs hielt man ihn, weil man sich vor seinem Ehrgeiz fuerchtete, mehr zurueck, als dass man ihn schnell emporgehoben haette, und liess ihn, weil er eignes Vermoegen hatte, bei einer kleinen Besoldung.Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6 Johann Wolfgang von Goethe Sechstes Buch Bekenntnisse einer schoenen Seele Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes Kind, weiss mich aber von dieser Zeit so wenig zu erinnern als von dem Tage meiner Geburt.  Mit dem Anfange des achten Jahres bekam ich einen Blutsturz, und in dem Augenblick war meine Seele ganz Empfindung und Gedaechtnis. Die kleinsten Umstaende dieses Zufalls stehn mir noch vor Augen, als haette er sich gestern ereignet. Waehrend des neunmonatlichen Krankenlagers, das ich mit Geduld aushielt, ward, so wie mich duenkt, der Grund zu meiner ganzen Denkart gelegt, indem meinem Geiste die ersten Huelfsmittel gereicht wurden, sich nach seiner eigenen Art zu entwickeln. Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens. In dem heftigsten Husten und abmattenden Fieber war ich stille wie eine Schnecke, die sich in ihr Haus zieht; sobald ich ein wenig Luft hatte, wollte ich etwas Angenehmes fuehlen, und da mir aller uebrige Genuss versagt war, suchte ich mich durch Augen und Ohren schadlos zu halten.  Man brachte mir Puppenwerk und Bilderbuecher, und wer Sitz an meinem Bette haben wollte, musste mir etwas erzaehlen. Von meiner Mutter hoerte ich die biblischen Geschichten gern an; der Vater unterhielt mich mit Gegenstaenden der Natur.  Er besass ein artiges Kabinett.  Davon brachte er gelegentlich eine Schublade nach der andern herunter, zeigte mir die Dinge und erklaerte sie mir nach der Wahrheit.  Getrocknete Pflanzen und Insekten und manche Arten von anatomischen Praeparaten, Menschenhaut, Knochen, Mumien und dergleichen kamen auf das Krankenbette der Kleinen; Voegel und Tiere, die er auf der Jagd erlegte, wurden mir vorgezeigt, ehe sie nach der Kueche gingen; und damit doch auch der Fuerst der Welt eine Stimme in dieser Versammlung behielte, erzaehlte mir die Tante Liebesgeschichten und Feenmaerchen.  Alles ward angenommen, und alles fasste Wurzel. Ich hatte Stunden, in denen ich mich lebhaft mit dem unsichtbaren Wesen unterhielt; ich weiss noch einige Verse, die ich der Mutter damals in die Feder diktierte. Oft erzaehlte ich dem Vater wieder, was ich von ihm gelernt hatte. Ich nahm nicht leicht eine Arzenei, ohne zu fragen: "Wo wachsen die Dinge, aus denen sie gemacht ist? wie sehen sie aus? wie heissen sie?" Aber die Erzaehlungen meiner Tante waren auch nicht auf einen Stein gefallen.  Ich dachte mich in schoene Kleider und begegnete den allerliebsten Prinzen, die nicht ruhen noch rasten konnten, bis sie wussten, wer die unbekannte Schoene war.  Ein aehnliches Abenteuer mit einem reizenden kleinen Engel, der in weissem Gewand und goldnen Fluegeln sich sehr um mich bemuehte, setzte ich so lange fort, dass meine Einbildungskraft sein Bild fast bis zur Erscheinung erhoehte. Nach Jahresfrist war ich ziemlich wiederhergestellt; aber es war mir aus der Kindheit nichts Wildes uebriggeblieben.  Ich konnte nicht einmal mit Puppen spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine Liebe erwiderten.  Hunde, Katzen und Voegel, dergleichen mein Vater von allen Arten ernaehrte, vergnuegten mich sehr; aber was haette ich nicht gegeben, ein Geschoepf zu besitzen, das in einem der Maerchen meiner Tante eine sehr wichtige Rolle spielte.  Es war ein Schaefchen, das von einem Bauermaedchen in dem Walde aufgefangen und ernaehrt worden war, aber in diesem artigen Tiere stak ein verwuenschter Prinz, der sich endlich wieder als schoener Juengling zeigte und seine Wohltaeterin durch seine Hand belohnte.  So ein Schaefchen haette ich gar zu gerne besessen! Nun wollte sich aber keines finden, und da alles neben mir so ganz natuerlich zuging, musste mir nach und nach die Hoffnung auf einen so koestlichen Besitz fast vergehen.  Unterdessen troestete ich mich, indem ich solche Buecher las, in denen wunderbare Begebenheiten beschrieben wurden.  Unter allen war mir der "Christliche deutsche Herkules" der liebste; die andaechtige Liebesgeschichte war ganz nach meinem Sinne.  Begegnete seiner Valiska irgend etwas, und es begegneten ihr grausame Dinge, so betete er erst, eh er ihr zu Huelfe eilte, und die Gebete standen ausfuehrlich im Buche.  Wie wohl gefiel mir das!  Mein Hang zu dem Unsichtbaren, den ich immer auf eine dunkle Weise fuehlte, ward dadurch nur vermehrt; denn ein fuer allemal sollte Gott auch mein Vertrauter sein. Als ich weiter heranwuchs, las ich, der Himmel weiss was, alles durcheinander; aber die "Roemische Oktavia" behielt vor allen den Preis.  Die Verfolgungen der ersten Christen, in einen Roman gekleidet, erregten bei mir das lebhafteste Interesse. Nun fing die Mutter an, ueber das stete Lesen zu schmaelen; der Vater nahm ihr zuliebe mir einen Tag die Buecher aus der Hand und gab sie mir den andern wieder.  Sie war klug genug zu bemerken, dass hier nichts auszurichten war, und drang nur darauf, dass auch die Bibel ebenso fleissig gelesen wurde.  Auch dazu liess ich mich nicht treiben, und ich las die heiligen Buecher mit vielem Anteil.  Dabei war meine Mutter immer sorgfaeltig, dass keine verfuehrerischen Buecher in meine Haende kaemen, und ich selbst wuerde jede schaendliche Schrift aus der Hand geworfen haben; denn meine Prinzen und Prinzessinnen waren alle aeusserst tugendhaft, und ich wusste uebrigens von der natuerlichen Geschichte des menschlichen Geschlechts mehr, als ich merken liess, und hatte es meistens aus der Bibel gelernt.  Bedenkliche Stellen hielt ich mit Worten und Dingen, die mir vor Augen kamen, zusammen und brachte bei meiner Wissbegierde und Kombinationsgabe die Wahrheit gluecklich heraus.  Haette ich von Hexen gehoert, so haette ich auch mit der Hexerei bekannt werden muessen. Meiner Mutter und dieser Wissbegierde hatte ich es zu danken, dass ich bei dem heftigen Hang zu Buechern doch kochen lernte; aber dabei war etwas zu sehen.  Ein Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden war fuer mich ein Fest.  Dem Vater brachte ich die Eingeweide, und er redete mit mir darueber wie mit einem jungen Studenten und pflegte mich oft mit Bei aller meiner Neigung zu ihm wusste ich, dass er der Mann nicht war, mit dem man ganz gerade handeln konnte.  Ich nahm mich daher zusammen und verwies ihn an meinen Vater, an dessen Einwilligung er nicht zu zweifeln schien und mit mir erst auf der Stelle einig sein wollte. Endlich sagte ich ja, indem ich die Beistimmung meiner Eltern zur notwendigen Bedingung machte.  Er sprach alsdann mit beiden foermlich; sie zeigten ihre Zufriedenheit, man gab sich das Wort auf den bald zu hoffenden Fall, dass man ihn weiter avancieren werde.  Schwestern und Tanten wurden davon benachrichtigt und ihnen das Geheimnis auf das strengste anbefohlen. Nun war aus einem Liebhaber ein Braeutigam geworden.  Die Verschiedenheit zwischen beiden zeigte sich sehr gross.  Koennte jemand die Liebhaber aller wohldenkenden Maedchen in Braeutigame verwandeln, so waere es eine grosse Wohltat fuer unser Geschlecht, selbst wenn auf dieses Verhaeltnis keine Ehe erfolgen sollte.  Die Liebe zwischen beiden Personen nimmt dadurch nicht ab, aber sie wird vernuenftiger.  Unzaehlige kleine Torheiten, alle Koketterien und Launen fallen gleich hinweg. aeussert uns der Braeutigam, dass wir ihm in einer Morgenhaube besser als in dem schoensten Aufsatze gefallen, dann wird einem wohldenkenden Maedchen gewiss die Frisur gleichgueltig, und es ist nichts natuerlicher, als dass er auch solid denkt und lieber sich eine Hausfrau als der Welt eine Putzdocke zu bilden wuenscht.  Und so geht es durch alle Faecher durch. Hat ein solches Maedchen dabei das Glueck, dass ihr Braeutigam Verstand und Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde Laender geben koennen.  Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die er ihr gibt, sondern sie sucht sich auch auf diesem Wege so immer weiterzubringen.  Die Liebe macht vieles Unmoegliche moeglich, und endlich geht die dem weiblichen Geschlecht so noetige und anstaendige Unterwerfung sogleich an; der Braeutigam herrscht nicht wie der Ehemann; er bittet nur, und seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er wuenscht, um es noch eher zu vollbringen, als er bittet. So hat mich die Erfahrung gelehrt, was ich nicht um vieles missen moechte.  Ich war gluecklich, wahrhaft gluecklich, wie man es in der Welt sein kann, das heisst auf kurze Zeit. Ein Sommer ging unter diesen stillen Freuden hin.  Narziss gab mir nicht die mindeste Gelegenheit zu Beschwerden; er ward mir immer lieber, meine ganze Seele hing an ihm, das wusste er wohl und wusste es zu schaetzen.  Inzwischen entspann sich aus anscheinenden Kleinigkeiten etwas, das unserm Verhaeltnisse nach und nach schaedlich wurde. Narziss ging als Braeutigam mit mir um, und nie wagte er es, das von mir zu begehren, was uns noch verboten war.  Allein ueber die Grenzen der Tugend und Sittsamkeit waren wir sehr verschiedener Meinung.  Ich wollte sichergehen und erlaubte durchaus keine Freiheit, als welche allenfalls die ganze Welt haette wissen duerfen.  Er, an Naeschereien gewoehnt, fand diese Diaet sehr streng; hier setzte es nun bestaendigen Widerspruch; er lobte mein Verhalten und suchte meinen Entschluss zu untergraben. Mir fiel das "ernsthaft" meines alten Sprachmeisters wieder ein und zugleich das Huelfsmittel, das ich damals dagegen angegeben hatte. Mit Gott war ich wieder ein wenig bekannter geworden.  Er hatte mir so einen lieben Braeutigam gegeben, und dafuer wusste ich ihm Dank.  Die irdische Liebe selbst konzentrierte meinen Geist und setzte ihn in Bewegung, und meine Beschaeftigung mit Gott widersprach ihr nicht. Ganz natuerlich klagte ich ihm, was mich bange machte, und bemerkte nicht, dass ich selbst das, was mich bange machte, wuenschte und begehrte.  Ich kam mir sehr stark vor und betete nicht etwa: "Bewahre mich vor Versuchung!" ueber die Versuchung war ich meinen Gedanken nach weit hinaus.  In diesem losen Flitterschmuck eigner Tugend erschien ich dreist vor Gott; er stiess mich nicht weg; auf die geringste Bewegung zu ihm hinterliess er einen sanften Eindruck in meiner Seele, und dieser Eindruck bewegte mich, ihn immer wieder aufzusuchen. VI. Buch--3 Die ganze Welt war mir ausser Narzissen tot, nichts hatte ausser ihm einen Reiz fuer mich.  Selbst meine Liebe zum Putz hatte nur den Zweck, ihm zu gefallen; wusste ich, dass er mich nicht sah, so konnte ich keine Sorgfalt darauf wenden.  Ich tanzte gern; wenn er aber nicht dabei war, so schien mir, als wenn ich die Bewegung nicht vertragen koennte.  Auf ein brillantes Fest, bei dem er nicht zugegen war, konnte ich mir weder etwas Neues anschaffen noch das Alte der Mode gemaess aufstutzen.  Einer war mir so lieb als der andere, doch moechte ich lieber sagen: einer so laestig als der andere.  Ich glaubte meinen Abend recht gut zugebracht zu haben, wenn ich mir mit aeltern Personen ein Spiel ausmachen konnte, wozu ich sonst nicht die mindeste Lust hatte, und wenn ein alter, guter Freund mich etwa scherzhaft darueber aufzog, laechelte ich vielleicht das erstemal den ganzen Abend.  So ging es mit Promenaden und allen gesellschaftlichen Vergnuegungen, die sich nur denken lassen: Ich hatt ihn einzig mir erkoren; Ich schien mir nur fuer ihn geboren, Begehrte nichts als seine Gunst. So war ich oft in der Gesellschaft einsam, und die voellige Einsamkeit war mir meistens lieber.  Allein mein geschaeftiger Geist konnte weder schlafen noch traeumen; ich fuehlte und dachte und erlangte nach und nach eine Fertigkeit, von meinen Empfindungen und Gedanken mit Gott zu reden.  Da entwickelten sich Empfindungen anderer Art in meiner Seele, die jenen nicht widersprachen.  Denn meine Liebe zu Narziss war dem ganzen Schoepfungsplane gemaess und stiess nirgend gegen meine Pflichten an.  Sie widersprachen sich nicht und waren doch unendlich verschieden.  Narziss war das einzige Bild, das mir vorschwebte, auf das sich meine ganze Liebe bezog; aber das andere Gefuehl bezog sich auf kein Bild und war unaussprechlich angenehm.  Ich habe es nicht mehr und kann es mir nicht mehr geben. Mein Geliebter, der sonst alle meine Geheimnisse wusste, erfuhr nichts hiervon.  Ich merkte bald, dass er anders dachte; er gab mir oefters Schriften, die alles, was man Zusammenhang mit dem Unsichtbaren heissen kann, mit leichten und schweren Waffen bestritten.  Ich las die Buecher, weil sie von ihm kamen, und wusste am Ende kein Wort von allem dem, was darin gestanden hatte. ueber Wissenschaften und Kenntnisse ging es auch nicht ohne Widerspruch ab; er machte es wie alle Maenner, spottete ueber gelehrte Frauen und bildete unaufhoerlich an mir. ueber alle Gegenstaende, die Rechtsgelehrsamkeit ausgenommen, pflegte er mit mir zu sprechen, und indem er mir Schriften von allerlei Art bestaendig zubrachte, wiederholte er oft die bedenkliche Lehre: dass ein Frauenzimmer sein Wissen heimlicher halten muesse als der Kalvinist seinen Glauben im katholischen Lande; und indem ich wirklich auf eine ganz natuerliche Weise vor der Welt mich nicht klueger und unterrichteter als sonst zu zeigen pflegte, war er der erste, der gelegentlich der Eitelkeit nicht widerstehen konnte, von meinen Vorzuegen zu sprechen. Ein beruehmter und damals wegen seines Einflusses, seiner Talente und seines Geistes sehr geschaetzter Weltmann fand an unserm Hofe grossen Beifall.  Er zeichnete Narzissen besonders aus und hatte ihn bestaendig um sich.  Sie stritten auch ueber die Tugend der Frauen. Narziss vertraute mir weitlaeufig ihre Unterredung; ich blieb mit meinen Anmerkungen nicht dahinten, und mein Freund verlangte von mir einen schriftlichen Aufsatz.  Ich schrieb ziemlich gelaeufig Franzoesisch: ich hatte bei meinem Alten einen guten Grund gelegt. Die Korrespondenz mit meinem Freunde war in dieser Sprache gefuehrt, und eine feinere Bildung konnte man ueberhaupt damals nur aus franzoesischen Buechern nehmen.  Mein Aufsatz hatte dem Grafen gefallen; ich musste einige kleine Lieder hergeben, die ich vor kurzem gedichtet hatte.  Genug, Narziss schien sich auf seine Geliebte ohne Rueckhalt etwas zugute zu tun, und die Geschichte endigte zu seiner grossen Zufriedenheit mit einer geistreichen Epistel in franzoesischen Versen, die ihm der Graf bei seiner Abreise zusandte, worin ihres freundschaftlichen Streites gedacht war und mein Freund am Ende gluecklich gepriesen wurde, dass er, nach so manchen Zweifeln und Irrtuemern, in den Armen einer reizenden und tugendhaften Gattin, was Tugend sei, am sichersten erfahren wuerde. Dieses Gedicht ward mir vor allen und dann aber auch fast jedermann gezeigt, und jeder dachte dabei, was er wollte.  So ging es in mehreren Faellen, und so mussten alle Fremden, die er schaetzte, in unserm Hause bekannt werden. Eine graefliche Familie hielt sich wegen unsres geschickten Arztes eine Zeitlang hier auf.  Auch in diesem Hause war Narziss wie ein Sohn gehalten; er fuehrte mich daselbst ein, man fand bei diesen wuerdigen Personen eine angenehme Unterhaltung fuer Geist und Herz, und selbst die gewoehnlichen Zeitvertreibe der Gesellschaft schienen in diesem Hause nicht so leer wie anderwaerts.  Jedermann wusste, wie wir zusammen standen; man behandelte uns, wie es die Umstaende mit sich brachten, und liess das Hauptverhaeltnis unberuehrt.  Ich erwaehne dieser einen Bekanntschaft, weil sie in der Folge meines Lebens manchen Einfluss auf mich hatte. Nun war fast ein Jahr unserer Verbindung verstrichen, und mit ihm war auch unser Fruehling dahin.  Der Sommer kam, und alles wurde ernsthafter und heisser. Durch einige unerwartete Todesfaelle waren aemter erledigt, auf die Narziss Anspruch machen konnte.  Der Augenblick war nahe, in dem sich mein ganzes Schicksal entscheiden sollte, und indes Narziss und alle Freunde sich bei Hofe die moeglichste Muehe gaben, gewisse Eindruecke, die ihm unguenstig waren, zu vertilgen und ihm den erwuenschten Platz zu verschaffen, wendete ich mich mit meinem Anliegen zu dem unsichtbaren Freunde.  Ich ward so freundlich aufgenommen, dass ich gern wiederkam.  Ganz frei gestand ich meinen Wunsch, Narziss moechte zu der Stelle gelangen; allein meine Bitte war nicht ungestuem, und ich forderte nicht, dass es um meines Gebets willen geschehen sollte. Die Stelle ward durch einen viel geringern Konkurrenten besetzt.  Ich erschrak heftig ueber die Zeitung und eilte in mein Zimmer, das ich fest hinter mir zumachte.  Der erste Schmerz loeste sich in Traenen auf; der naechste Gedanke war: Es ist aber doch nicht von ungefaehr geschehen, und sogleich folgte die Entschliessung, es mir recht wohl gefallen zu lassen, weil auch dieses anscheinende uebel zu meinem wahren Besten gereichen wuerde.  Nun drangen die sanftesten Empfindungen, die alle Wolken des Kummers zerteilten, herbei; ich fuehlte, dass sich mit dieser Huelfe alles ausstehen liess.  Ich ging heiter zu Tische, zum Erstaunen meiner Hausgenossen. Narziss hatte weniger Kraft als ich, und ich musste ihn troesten. Auch in seiner Familie begegneten ihm Widerwaertigkeiten, die ihn sehr drueckten, und bei dem wahren Vertrauen, das unter uns statthatte, vertraute er mir alles.  Seine Negoziationen, in fremde Dienste zu gehen, waren auch nicht gluecklicher; alles fuehlte ich tief um seinet- und meinetwillen, und alles trug ich zuletzt an den Ort, wo mein Anliegen so wohl aufgenommen wurde. Je sanfter diese Erfahrungen waren, desto oefter suchte ich sie zu erneuern und den Trost immer da, wo ich ihn so oft gefunden hatte; allein ich fand ihn nicht immer: es war mir wie einem, der sich an der Sonne waermen will und dem etwas im Wege steht, das Schatten macht. "Was ist das?" fragte ich mich selbst.  Ich spuerte der Sache eifrig nach und bemerkte deutlich, dass alles von der Beschaffenheit meiner Seele abhing; wenn die nicht ganz in der geradesten Richtung zu Gott gekehrt war, so blieb ich kalt; ich fuehlte seine Rueckwirkung nicht und konnte seine Antwort nicht vernehmen.  Nun war die zweite Frage: Was verhindert diese Richtung?  Hier war ich in einem weiten Feld und verwickelte mich in eine Untersuchung, die beinahe das ganze zweite Jahr meiner Liebesgeschichte fortdauerte.  Ich haette sie frueher endigen koennen, denn ich kam bald auf die Spur; aber ich wollte es nicht gestehen und suchte tausend Ausfluechte. Ich fand sehr bald, dass die gerade Richtung meiner Seele durch toerichte Zerstreuung und Beschaeftigung mit unwuerdigen Sachen gestoert werde; das Wie und Wo war mir bald klar genug.  Nun aber wie herauskommen in einer Welt, wo alles gleichgueltig oder toll ist? Gern haette ich die Sache an ihren Ort gestellt sein lassen und haette auf Geratewohl hingelebt wie andere Leute auch, die ich ganz wohlauf sah; allein ich durfte nicht: mein Inneres widersprach mir zu oft. Wollte ich mich der Gesellschaft entziehen und meine Verhaeltnisse veraendern, so konnte ich nicht.  Ich war nun einmal in einen Kreis hineingesperrt; gewisse Verbindungen konnte ich nicht loswerden, und in der mir so angelegenen Sache draengten und haeuften sich die Fatalitaeten.  Ich legte mich oft mit Traenen zu Bette und stand nach einer schlaflosen Nacht auch wieder so auf; ich bedurfte einer kraeftigen Unterstuetzung, und die verlieh mir Gott nicht, wenn ich mit der Schellenkappe herumlief. Nun ging es an ein Abwiegen aller und jeder Handlungen; Tanzen und Spielen wurden am ersten in Untersuchung genommen.  Nie ist etwas fuer oder gegen diese Dinge geredet, gedacht oder geschrieben worden, das ich nicht aufsuchte, besprach, las, erwog, vermehrte, verwarf und mich unerhoert herumplagte.  Unterliess ich diese Dinge, so war ich gewiss, Narzissen zu beleidigen; denn er fuerchtete sich aeusserst vor dem Laecherlichen, das uns der Anschein aengstlicher Gewissenhaftigkeit vor der Welt gibt.  Weil ich nun das, was ich fuer Torheit, fuer schaedliche Torheit hielt, nicht einmal aus Geschmack, sondern bloss um seinetwillen tat, so wurde mir alles entsetzlich schwer. Ohne unangenehme Weitlaeufigkeiten und Wiederholungen wuerde ich die Bemuehungen nicht darstellen koennen, welche ich anwendete, um jene Handlungen, die mich nun einmal zerstreuten und meinen innern Frieden stoerten, so zu verrichten, dass dabei mein Herz fuer die Einwirkungen des unsichtbaren Wesens offenblieben und wie schmerzlich ich empfinden musste, dass der Streit auf diese Weise nicht beigelegt werden koenne. Denn sobald ich mich in das Gewand der Torheit kleidete, blieb es nicht bloss bei der Maske, sondern die Narrheit durchdrang mich sogleich durch und durch. Darf ich hier das Gesetz einer bloss historischen Darstellung ueberschreiten und einige Betrachtungen ueber dasjenige machen, was in mir vorging?  Was konnte das sein, das meinen Geschmack und meine Sinnesart so aenderte, dass ich im zweiundzwanzigsten Jahre, ja frueher, kein Vergnuegen an Dingen fand, die Leute von diesem Alter unschuldig belustigen koennen?  Warum waren sie mir nicht unschuldig? Ich darf wohl antworten: eben weil sie mir nicht unschuldig waren, weil ich nicht wie andre meinesgleichen unbekannt mit meiner Seele war. Nein, ich wusste aus Erfahrungen, die ich ungesucht erlangt hatte, dass es hoehere Empfindungen gebe, die uns ein Vergnuegen wahrhaftig gewaehrten, das man vergebens bei Lustbarkeiten sucht, und dass in diesen hoehern Freuden zugleich ein geheimer Schatz zur Staerkung im Unglueck aufbewahrt sei. Aber die geselligen Vergnuegungen und Zerstreuungen der Jugend mussten doch notwendig einen starken Reiz fuer mich haben, weil es mir nicht moeglich war, sie zu tun, als taete ich sie nicht.  Wie manches koennte ich jetzt mit grosser Kaelte tun, wenn ich nur wollte, was mich damals irremachte, ja Meister ueber mich zu werden drohte.  Hier konnte kein Mittelweg gehalten werden: ich musste entweder die reizenden Vergnuegungen oder die erquickenden innerlichen Empfindungen entbehren. Aber schon war der Streit in meiner Seele ohne mein eigentliches Bewusstsein entschieden.  Wenn auch etwas in mir war, das sich nach den sinnlichen Freuden hinsehnte, so konnte ich sie doch nicht mehr geniessen.  Wer den Wein noch so sehr liebt, dem wird alle Lust zum Trinken vergehen, wenn er sich bei vollen Faessern in einem Keller befaende, in welchem die verdorbene Luft ihn zu ersticken drohte. Reine Luft ist mehr als Wein, das fuehlte ich nur zu lebhaft, und es haette gleich von Anfang an wenig ueberlegung bei mir gekostet, das Gute dem Reizenden vorzuziehen, wenn mich die Furcht, Narzissens Gunst zu verlieren, nicht abgehalten haette.  Aber da ich endlich nach tausendfaeltigem Streit, nach immer wiederholter Betrachtung auch scharfe Blicke auf das Band warf, das mich an ihm festhielt, entdeckte ich, dass es nur schwach war, dass es sich zerreissen lasse.  Ich erkannte auf einmal, dass es nur eine Glasglocke sei, die mich in den luftleeren Raum sperrte; nur noch so viel Kraft, sie entzweizuschlagen, und du bist gerettet! Gedacht, gewagt.  Ich zog die Maske ab und handelte jedesmal, wie mir's ums Herz war.  Narzissen hatte ich immer zaertlich lieb; aber das Thermometer, das vorher im heissen Wasser gestanden, hing nun an der natuerlichen Luft; es konnte nicht hoeher steigen, als die Atmosphaere warm war. Ungluecklicherweise erkaeltete sie sich sehr.  Narziss fing an, sich zurueckzuziehen und fremd zu tun; das stand ihm frei; aber mein Thermometer fiel, so wie er sich zurueckzog.  Meine Familie bemerkte es, man befragte mich, man wollte sich verwundern.  Ich erklaerte mit maennlichem Trotz, dass ich mich bisher genug aufgeopfert habe, dass ich bereit sei, noch ferner und bis ans Ende meines Lebens alle Widerwaertigkeiten mit ihm zu teilen; dass ich aber fuer meine Handlungen voellige Freiheit verlange, dass mein Tun und Lassen von meiner ueberzeugung abhaengen muesse; dass ich zwar niemals eigensinnig auf meiner Meinung beharren, vielmehr jede Gruende gerne anhoeren wolle, aber da es mein eignes Glueck betreffe, muesse die Entscheidung von mir abhaengen, und keine Art von Zwang wuerde ich dulden.  Sowenig das Raesonnement des groessten Arztes mich bewegen wuerde, eine sonst vielleicht ganz gesunde und von vielen sehr geliebte Speise zu mir zu nehmen, sobald mir meine Erfahrung bewiesen dass sie mir jederzeit schaedlich sei, wie ich den Gebrauch des Kaffees zum Beispiel anfuehren koennte, sowenig und noch viel weniger wuerde ich mir irgend eine Handlung, die mich verwirrte, als fuer mich moralisch zutraeglich aufdemonstrieren lassen. Da ich mich so lange im stillen vorbereitet hatte, so waren mir die Debatten hierueber eher angenehm als verdriesslich.  Ich machte meinem Herzen Luft und fuehlte den ganzen Wert meines Entschlusses.  Ich wich nicht ein Haar breit, und wem ich nicht kindlichen Respekt schuldig war, der wurde derb abgefertigt.  In meinem Hause siegte ich bald. Meine Mutter hatte von Jugend auf aehnliche Gesinnungen, nur waren sie bei ihr nicht zur Reife gediehen; keine Not hatte sie gedraengt und den Mut, ihre ueberzeugung durchzusetzen, erhoeht.  Sie freute sich, durch mich ihre stillen Wuensche erfuellt zu sehen.  Die juengere Schwester schien sich an mich anzuschliessen; die zweite war aufmerksam und still.  Die Tante hatte am meisten einzuwenden.  Die Gruende, die sie vorbrachte, schienen ihr unwiderleglich und waren es auch, weil sie ganz gemein waren.  Ich war endlich genoetigt, ihr zu zeigen, dass sie in keinem Sinne eine Stimme in dieser Sache habe, und sie liess nur selten merken, dass sie auf ihrem Sinne verharre.  Auch war sie die einzige, die diese Begebenheit von nahem ansah und ganz ohne Empfindung blieb.  Ich tue ihr nicht zuviel, wenn ich sage, dass sie kein Gemuet und die eingeschraenktesten Begriffe hatte.